Patronizing Arts
  Interpretation - Ende
 
"

lomelinde:
 
Die Papier-Tragödie

Es war ein Mädchen aus Papier,
ganz weiß und zum Verlieben.
Es hatte keiner noch auf ihr
das kleinste Wort geschrieben.

Das gibt es, glaubt es mir!
Sie war nur aus Papier.
Das gibt es, glaubt es mir!

Da kam ein junge aus Papier,
ein brauner, weit gereister,
ganz voll Adressen dort und hier,
gestempelt und voll Kleister.

Verzeiht ihm das Geschmier,
er war aus Packpapier.
Verzeiht ihm das Geschmier!

Auch Liebespaare aus Papier,
die können wahrhaft lieben.
Sie hat auf ihm, er hat auf ihr
mit eigner Hand geschrieben:

"Mein Herz gehört nur dir,
bin ich auch aus Papier.
Mein Herz gehört nur dir!"

Doch eines Tages das Unheil naht,
sie litten unaussprechlich:
Ihn rief einferner Adressat
und auf ihm stand "Zerbrechlich!"

"Ich kehr zurück zu dir,
mein Mädchen aus Papier!
Ich kehr zurück zu dir!"

Nun wartet sie jahrelang
und wurde langsam gelber.
Und war ihr einmal gar zu bang,
dann las sie auf sich selber.

"Mein Herz gehört nur dir,
bin ich auch aus Papier.
Mein Herz gehört nur dir!"

Ein Greis aus einem Zeitungsblatt,
zerknittert und voll Lügen,
der schrecklich viel Papiergeld hatt',
der wollt sie zum Vergnügen.

Sie widerstand der Gier
und war nur aus Papier.
Sie widerstand der Gier!

Das nahm der Alte ihr sehr krumm,
und voller böser Tücke
mit einer Scher' bracht er sie um
und schnitt sie in zwei Stücke.

Worüber lächelt ihr?
Ihr seid nicht aus Papier,
worüber lächelt ihr?

Und als der Liebste aus Papier
zurückkam wie versprochen,
da fand er sie und stand vor ihr
und hat kein Wort gesprochen,

weint keine Träne ihr.
Er war nur aus Papier,
weint keine Träne ihr.

So stand er, bis es dunkel war.
Sein Herz fing an zu brennen.
Und er verbrannte ganz und gar
und war nicht mehr zu kennen.

Dies schwarze Flöckchen hier
war Liebe und Papier.
Dies schwarze Flöckchen hier!
 
---
aus "Trödelmarkt der Träume - Mitternachtslieder und leise Balladen" von Michael Ende



Jadeprinzessin:
 
Wie der Titel schon sagt, soll es traurig sein, was es ja auch ist. Allerdings finde ich es auch sehr sarkastisch, ja beinahe zynisch und ernüchternd dadurch, dass der Autor das Motiv der "Papiermenschen" benutzt.

Zuerst ist da das Mädchen. Sie wird gleich in der ersten Strophe vorgestellt. Dadurch fängt alles sehr ruhig an. Man spürt die freudige und zugleich etwas ängstliche Erwartung des Mädchens im Leben Erfahrung zu sammeln, neue Gefühle kennen zu lernen. Das "weiß" verbindet man automatisch mit unschuldig und rein.
Dann kommt der Junge. Anders als das Mädchen hat er viel Erfahrung im Leben gesammelt. Und wie in einer typischen Schulromanze kann man sich den Fortgang jetzt denken. Der Autor arbeitet hier auf seine Weise mit dem Klischee vom unschuldigen Mädchen, das sich zu etwas Unbekanntem hingezogen fühlt.

> Auch Liebespaare aus Papier,
> die können wahrhaft lieben.
> Sie hat auf ihm, er hat auf ihr
> mit eigner Hand geschrieben:


Ich finde diese Strophe einfach wunderschön. Die Liebenden berühren das Herz des jeweils anderen, hinterlassen jeder in dem anderen etwas von ihnen selbst.
Dann kommt das Unglück. Zerbrechlich, so ist sie immer, die Liebe. Durch das fort "doch" in der vierten Strophe, finde ich, drückt der Autor aus, dass eine Katastrophe irgendeiner Art zu erwarten war. Auch hier ist es beinahe klischeehaft, dass ein unerwartetes Ereignis die Liebenden auseinander reißt.
Wie es bei der großen Liebe sein muss, wartet sie auf ihn. Sie wird reifer und erfahrener, doch sie vergisst die Liebe nicht, sondern schwelgt immer wieder in Erinnerungen, wenn ihre Traurigkeit und ihre Angst, dass er gar nicht zurückkommt, zu groß werden.
Dann kommt die Verführung. Aber es geht nicht um einen weiteren, möglicherweise sogar besser aussehenden Jungen. Der Autor will hier alleine auf die Verführbarkeit des Menschen gegenüber Geld hinaus. Doch sie widersteht dem "Ruf des Goldes", dem heute zu viele verfallen sind. Hier fängt die zentrale Kritik des Autors an unserer Gesellschaft an.
Der Alte ist beherrscht von seiner Wut und Rachegedanken. Jetzt kommt die Frage des Autors: "Worüber lächelt ihr?" und der Satz: "Ihr seid nicht aus Papier." Das sind für mich die beiden entscheidensten Versen im ganzen Gedicht. Denn sie meinen das genaue Gegenteil. Sie sollen uns sagen: "Hey, merkt ihr es nicht? Ich rede nicht von irgendwelchen abstakten Papiermännchen, sondern von euch, von uns, von Menschen!"
Die Zeile "Er war nur aus Papier" greift das später auch noch einmal auf. Hier ist zwar nur von Papiermännchen die Rede, aber gemeint sind alle Menschen und es soll sich gefälligst jeder angesprochen fühlen.


emar:
 
Es ist eine tragische Liebesgeschichte, ganz klar. Er muss in die Welt, sie versprechen sich die Treue, sie wartet und wartet, widersteht allen Verführungen und wird deswegen umgebracht. Er kommt zurück, sieht sie tot und verbrennt sich selber. Das klassische Muster einer Tragödie, wie ja der Titel schon verrät.

Was will mir der Autor aber damit sagen? Ich bin mir nicht sicher. Es ist so ohne Effekthascherei geschrieben, so einfach und natürlich, dass man meint, die Unschuld des weißen Papiermädchens durch die Sprache hindurch zu fühlen. Und das geht bis zum Ende so, sodass man das Gefühl hat, die Liebe war in allen Punkten unschuldig und ist nur durch die Einwirkung äußerer Umstände nicht so verlaufen, wie die beiden gerne gewollt hätten.

Was mache ich aus den ständigen Papier-Anspielungen? Nun ja, dadurch, dass hier die Protagonisten "nur" aus Papier sind, habe ich als Leser eine gewisse Distanz zu dem Geschehen. Das ist ja wohl auch sehr bewusst so gewählt, wenn Ende uns immer wieder direkt anspricht:

> Das gibt es, glaubt es mir!
> Sie war nur aus Papier.
> Das gibt es, glaubt es mir!

> Worüber lächelt ihr?
> Ihr seid nicht aus Papier,
> worüber lächelt ihr?


Er sagt "lächeln" und das ist für mein Verständnis das zentrale Wort. Das drückt so ziemlich das aus, was ich beim Lesen empfunden habe. Es ist ein schönes Gedicht, wo man sicherlich mit ein bisschen mehr Kenntnis über Autor und seine Zeit vieles hineininterpretieren kann, aber wenn man es ganz unvoreingnommen liest (wie ich) lächelt man drüber und macht sich keine großen Gedanken über Sinn und Unsinn der "Papier-Tragödie"
_____
 
  Alle Zirkel stehen in der Links-Liste - Last Update: 06.10.07  
 
=> Willst du auch eine kostenlose Homepage? Dann klicke hier! <=